Artikel in der Sonntagszeitung 30.03.2014

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Zeit für Patienten – von Nina Lipp

Die Chilenin Nery Eneh leitet in Freiburg einen eigenen Pflegedienst

Als Flüchtlingskind kam Nery Eneh einst nach Deutschland. Heute leitet die 53-jährige Chilenin in Freiburg einen ambulanten
Pflegedienst mit sieben Mitarbeitern.
Muss ein neuer Patient versorgt werden, macht dies die Chefin persönlich. Viele Stunden verbringt sie dann bei dem zu Pflegenden zu Hause, um dessen Gesundheitszustand genau zu erfassen: Was kann der Patient allein, wo braucht er Unterstützung? Wo gibt es Ressourcen, deren Förderung und Stärkung die Grundlage sein können, damit der Patient langfristig an Selbstständigkeit gewinnt? Grundvoraussetzung dafür, ihren Job gut machen zu können, sei, sagt Nery Eneh, sich für die Patienten Zeit zu nehmen –
trotz aller wirtschaftlichen Zwänge.

Seit sie sich selbstständig gemacht hat, habe sie zeitliche Spielräume gewonnen – und die Entscheidungsfreiheit, auch spontan auf die Bedürfnisse ihrer Patienten eingehen zu können. Nichts hält Frau Eneh für schädlicher, als wenn die Pflegepatienten den Zeitdruck zu spüren bekämen, dem das Personal ausgesetzt ist. Gerade bei intimen Vorgängen der Körperpflege von Patienten scheue sie den Blick auf die Uhr. Dazu sagt sie: „Natürlich ist das wirtschaftlich nicht vertretbar, aber das brauche ich, um Kraft zu schöpfen.“
In einem Land, in dem sich das Militär unter der Führung Augusto Pinochets an die Macht geputscht hatte, wollten die Eltern Nery Enehs nicht mehr leben. 1975 gelang ihnen die Flucht nach Deutschland. Nery war damals 14 Jahre alt. Sie lernte Deutsch und begann in der Freiburger Universitätsklinik eine Ausbildung zur Krankenpflegerin: „Ich wollte einen Beruf erlernen, um anderen Menschen helfen zu können.“

Viele Jahre arbeitete Nery Eneh in Krankenhäusern. Mit 35 Jahren ging die zweifache Mutter wieder in die Uniklinik, um sich zur Krankenschwester ausbilden zu lassen. 2003 absolvierte sie die Weiterbildung zur Pflegedienstleisterin. Zwei Jahre später wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit.

Viele Jahre arbeitete Nery Eneh in Krankenhäusern. Mit 35 Jahren ging die zweifache Mutter wieder in die Uniklinik, um sich zur Krankenschwester ausbilden zu lassen. 2003 absolvierte sie die Weiterbildung zur Pflegedienstleisterin. Zwei Jahre später wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit.

Weil sie keine Fahrerlaubnis hatte, musste sie ihre Patienten damals mit dem Fahrrad besuchen, später nutzte sie einen Roller. Vieles wurde leichter, als sie 2007 den Führerschein erwarb und sich ein Auto zulegte. Dass ihre Arbeit geschätzt wird, bekommt sie häufig mittelbar zu spüren:
„Oft bekomme ich kleine Geschenke wie Sträuße oder Grußkarten.“

Davon, dass Menschen in Pflegeberufen oft nicht genügend
gesellschaftliche und finanzielle Wertschätzung erfahren, lässt Nery Eneh sich nicht beirren:

„Ich kann jedem nur empfehlen.
in sich rein zu hören und nach den eigenen Bedürfnissen und Talenten zu fragen. Ich erlebe schöne Dinge bei meiner Arbeit.“

2017-05-05T05:46:18+00:00 April 4th, 2014|Pflegedienst-Eneh|